
Cellulosefabrik Attisholz
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130 Jahre Industriegeschichte, seit 2008 stillgelegt, seit 2016 im Umbau. Die Cellulosefabrik Attisholz in Riedholz bei Solothurn ist die grösste Industriebrache der Schweiz – und ein Ort, an dem Verfall und Kunst sich gegenseitig kommentieren.
Der Ort
Die Cellulose Attisholz AG wurde 1881 von Dr. Benjamin Sieber gegründet und blieb die einzige Cellulosefabrik der Schweiz. Nach Besitzerwechseln über Blocher und Borregaard kam 2008 das Ende: 440 Arbeitsplätze weg, Maschinen verkauft, Chemikalien entsorgt. Seit 2016 entwickelt die Halter AG das 50 Hektar grosse Areal an der Aare schrittweise zu einem neuen urbanen Zentrum. Teile sind bereits belebt – Gastronomie, Kultur, junge Unternehmen. Andere Teile stehen noch so da, wie die Norweger sie verlassen haben. Dazwischen: Graffiti. Nicht als Vandalismus, sondern als temporäre Kunst auf Wänden, die ohnehin dem Abbruch geweiht sind.
Die Bilder
Die Serie bewegt sich zwischen Dokumentation und Interpretation. Schwarzweiss und Farbe wechseln sich ab – nicht zufällig, sondern nach dem, was das Motiv verlangt.
Comicface – Ein cartoonhaftes Gesicht auf einer Betonwand, gesprüht mit überraschender Plastizität. Die Farbnasen laufen über das Bild und geben dem Charakter eine Vergänglichkeit. Schwarzweiss war hier eine Option: Ohne Farbe wird die Form zum Inhalt. Im Gegenteil dazu verleiht die Farbe der Fratze tiefe und realitätsnähe.
Elektrizität – Ein offener Schaltschrank, auf dem sich Spraydosen stapeln wie eine improvisierte Krone. Die Verkabelung hängt zwischen den Sicherungsreihen, links besprühte Blechtüren, rechts Tags auf Beton. Zwei Systeme, die diesen Ort definieren: das industrielle, das tot ist, und das künstlerische, das lebt. Schwarzweiss verdichtet diesen Dialog.
Gesichter – Ein gemaltes Doppelporträt auf einer Innenwand: zwei Männerköpfe im Profil, Rücken an Rücken, der rechte mit Schiebermütze. Der Pinselduktus ist expressiv, fast altmeisterlich, darunter horizontale Linien als stilisierter Körper. Das ist kein schnelles Tag – das ist ein durchdachtes Werk, das die Qualität einer Galeriearbeit hat und trotzdem auf einer Fabrikwand klebt.
Graffiti Roots – Bubble-Style-Lettering in Pink, Gelb, Orange und Cyan auf einer alten Stahltür. Eines der wenigen Farbbilder der Serie, und das mit Absicht: Hier geht es um die Wucht der Farbe gegen den stumpfen Industrieuntergrund. Abblätternder Putz, Russflecken, Schutt am Boden – und mittendrin diese Explosion. In Schwarzweiss wäre das Bild brav geworden.
Haus auf dem Haus – Der gestufte Dachaufbau der Fabrik, komplett mit Tags überzogen. «FAKE», «ASIX», unleserliche Pieces. Verwitterte Antennen, ein Ziegeldach-Anbau, trüber Himmel. Das Gebäude wirkt wie eine verlassene Kommandozentrale, die niemand mehr braucht und die trotzdem noch steht. Farbe, weil die blasse Fassade und das Grün der Patina zum Bild gehören.
Loft – Blick durch eine grosse Fabrikhalle. Betonsockel im Vordergrund – die Fundamente ehemaliger Maschinen. Die Wände sind vollständig besprüht, Schicht über Schicht. Tageslicht fällt durch die Industriefenster und beleuchtet den Zerfall gleichmässig. Der Raum hat trotz der Zerstörung etwas Kathedrales. Die Farbe zeigt hier die Vielschichtigkeit, die Schwarzweiss verschlucken würde.
Schnecke – Ein monumentales Schnecken-Mural auf einer Tankwand, fotorealistisch gesprüht. Die Detailtreue in Gehäuse, Haut und Fühlern ist beeindruckend. Das Werk nutzt die Rundung der Wand und vorhandene Rohröffnungen als Teil der Komposition. Links ein kleiner Comic-Charakter, unten Letter-Tags. Technisch das stärkste Graffiti der Serie. In Schwarzweiss, weil das Werk selbst monochrom angelegt ist.
Spraydosen – Zwei Reihen Spraydosen in einem Holzregal, von oben fotografiert. Das volle Farbspektrum von Blau über Rot bis Grün. Warme Holzmaserung als Rahmen. Das Werkzeug der Künstler, ordentlich sortiert inmitten des Chaos – ein stilles Stillleben und gleichzeitig ein Verweis auf alles andere in dieser Serie.
Tankeingang – Zwei verrostete Lüftungsklappen in einer Betonmauer, davor moosüberwachsene Kante. Links ein offenes Stahltor, rechts Tags auf weisser Grundierung. Darüber grosse gelbe und blaue Flächen. Rost, Moos, Beton, Farbe – vier Materialschichten, vier Stadien des Zerfalls. Das Bild funktioniert als Inventar eines Ortes, der sich in Echtzeit verändert.
Tina Turner – Ein grossflächiges Porträt-Mural an einer Aussenwand. Wilde Mähne, breites Lachen, rohe Energie. Daneben eine Stahltür mit Tags, ein Bohrloch erzeugt einen Lichtblitz mit Sterneffekt. Das Datum «20.8.22» ist sichtbar. Das Porträt erstreckt sich über die Gebäudekante und macht die Architektur zum Bildträger. Schwarzweiss war zwingend – das Mural selbst ist monochrom, und die Brutalität des Betons verlangt nach Reduktion
Warum Attisholz
Attisholz ist kein klassischer Lost Place mehr. Der Ort befindet sich im Übergang – Teile werden bereits umgebaut, andere warten noch. Die Graffiti sind keine Rebellion gegen den Leerstand, sondern eine geduldete, teilweise kuratierte Zwischennutzung. Das macht die Situation fotografisch interessant: Die Kunst weiss, dass ihre Wände nicht ewig stehen. Die Bilder dokumentieren einen Zustand, der bald nicht mehr existieren wird.
Die Serie zeigt den Ort so, wie er 2025 ist: rau, geschichtet, in Bewegung. Nicht nostalgisch, nicht beschönigt.
Die komplette Serie in Monochrome ist auf gk-photography.ch/cellulosefabrik-attisholz-1 zu sehen.
Die Serie in Farbe findet ihr auf gk-photography.ch/cellulosefabrik-attisholz
